Tutorial "Available Light 1"

Wer sich mit einem Model trifft für schöne Outdoor-Bilder, der wird sich über Sonne freuen. Zum Aufhellen der Schatten hat er meist seinen Blitz dabei, und manchmal auch einen Reflektor. Aber die Ergebnisse sind oft sehr ernüchternd: Das Model ist geblendet, ihr Gesicht eine Grimasse, die Nase glänzt, und der Reflektor ist viel zu nah und blendet noch mehr. Ich beobachte diese Szenerien immer mit einer Mischung aus Mitleid und Kopfschütteln, denn die Lösung liegt so nahe: der Schatten.

Ich ziehe grundsätzlich nur mit Kamera und Model los, und einer Tasche mit Klamotten, aber ohne Blitz, ohne Reflektor, und ohne Visagist(in). So bin ich frei, flexibel, und schnell. Ich suche die Locations so aus, dass das Licht dem Model schmeichelt. Daher wähle ich in der Mittagszeit, wenn die Sonne hoch steht, immer Schattenlocations, so wie hier die Museumsinsel in München um 11.30 Uhr, kurz vor dem Sonnen-Höchststand.

Ich möchte euch mit diesem Tutorial Lust darauf machen, bei Sonne im Schatten zu fotografieren, denn ihr werdet wunderschöne Lichtstimmungen erleben. Es hat einen großen Reiz, die Atmosphäre des reflektierten Lichts kennenzulernen und im Bild festzuhalten.

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Wenn man von der Brücke aus den Park auf der Museumsinsel betritt, bietet sich einem dieser Blick. Es ist vorwiegend dunkel, und kaum einer würde auf die Idee kommen, hier Portraits zu machen. Wir aber bleiben hier. Elena im Vordergund blickt in die Kamera, und auf ihrem Gesicht kann man zwei Lichter deutlich erkennen: von rechts, vom Geländer her bekommt sie Licht, und links in ihren Haaren sehen wir den Schein der Lichtung mit dem Brunnen (im Off) hinter ihr.

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Sehen wir uns die Lichtquelle, die von rechts vom Geländer her kam, mal etwas genauer an, indem wir den Blick 90 Grad nach rechts schwenken: Es ist die Häuserzeile gegenüber, an der Zeppelinstraße. Hell von der Sonne beschienen, reflektiert sie das Licht und schickt es wie eine riesige Softbox schön geführt durch die Lücke in der Botanik auf Elenas Gesicht. Hier als weiche Kante, weil wir uns hinter ihr befinden.

Diese beiden Totalen habe ich aufgenommen mit Blende 5,6 und 1/1600 bei 1250 ISO (Weißabgleich manuell 6250 K)

Nun zeige ich euch, wie einfach man mit diesem Licht ein schönes Portrait ohne Blitz und Reflektor macht.

 

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Wir positionieren uns wieder in der ursprünglichen Achse, so dass das Führungslicht jetzt von rechts auf Elenas Gesicht scheint. Ich habe eine Brennweite von 105mm gewählt, das lässt den Hintergrund schön unscharf werden, ohne dass er aber total unkenntlich wird. Ich belichte dieses Bild auf Elenas Gesicht mit Blende 5,6 und 1/200 bei ISO 1250, also wesentlich länger als die beiden Totalen oben, und bekomme ein schön stimmiges weiches atmosphärisches Portrait, völlig ohne Blitz oder Aufheller oder Nachbearbeitung. Dieses Bild ist "out of the camera"!

So ein Licht kriegt man mit keiner Blitzanlage hin, denn es lebt von tausenden kleinen Reflexionen der Umgebung, es ist "unsauber" auf eine bezaubernde Weise, wie man sie nie reproduzieren könnte, und es transportiert die Atmosphäre dieses einen Augenblicks, dort, auf dem Mäuerchen im Park auf der Museumsinsel.

 

Dieses Bild können wir noch nach unserem Geschmack optimieren. Ich habe lediglich etwas die Farbkontraste optimiert, ansonsten ist das Bild original. Schaut euch die Lichter an auf ihr: Dieser Schimmer auf dem Oberarm links vom Brunnen her, auf dem Scheitel und auf der Schulter das Licht, das oben durch die Bäume drang, von rechts als Hauptlicht (Führungslicht) die Reflexion der Häuser an der Zeppelinstraße, und von vorne das Licht hinter mir, von der sonnenbeschienenen Ludwigsbrücke, das man als Reflex auch in ihren Augen sieht.

Ein Blitz - und das Bild wäre kaputt.

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Danke an Elena für dieses Bild! :) Die Sets aus unseren Shootings sind auch auf girls-mag.de erhältlich.